Überführungsfahrt mit Hindernissen
 
 
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Überführungsfahrt mit Hindernissen
Aus den Erinnerungen einer Skipperfrau.

Nun war es soweit, der „Draco" war verkauft und die Düsseldorfer Bootsmesse fing an. Wir hatten uns natürlich im Vorfeld schon schlau gemacht, welcher Bootstyp für uns infrage kam, und so hatten wir uns für eine „Apollo 32" entschieden. Gebaut wurde dieser Typ in Dänemark auf der Insel Bogö. Hier war auch die Jupiter Werft beheimatet. Den Typ „Jupiter" kannten wir von zwei Clubkameraden, Herbert und Karl, die eine 32er und 40er besaßen. Da sich ein weiterer Clubkamerad ebenfalls verändern wollte, beschlossen die 4 Männer einen Inselbesuch mit Probefahrt zu machen. Als die Expedition wieder zurück in der Heimat war, hatte Jaco zwar keine Apollo im Gepäck, dafür aber die Zeichnung einer „Jupiter 33", die er gekauft hatte, und die uns 21 Jahre bei Wind und Wellen eine treue Gefährtin war. Bis dieses Schiff aber ausgeliefert wurde, war es noch ein langer Weg. Dieser Bootstyp war bisher noch nicht gebaut worden und so steckte der Teufel im Detail. Um den Fortschritt beim Bau zu beobachten, fuhren wir einmal im Monat nach Dänemark. Von Stubbeköbing auf der Insel Falster ging es dann mit einer Fähre zur Insel Bogö hinüber, wo uns der Betriebsleiter der Werft regelmäßig mit folgenden Worten empfing: „ Herr Jacobi, wir haben da ein Problema". Im Klartext hieß das, es war erneut etwas schief gegangen. Jetzt war es der Motor, ein Cummingsdiesel, der von England geliefert werden sollte und nicht kam, da wieder einmal ein Streik die Auslieferung verzögerte. Unser Klubkamerad Friedhelm hatte es besser getroffen, seine zwei Maschinen waren pünktlich geliefert worden und so konnte er auch seine Jupiter 33 ohne „Problema" termingerecht übernehmen. Bei uns dagegen rückte der Urlaubsbeginn immer näher, aber die Auslieferung unseres Schiffes stand weiterhin in den Sternen. In weiser Voraussicht hatte Jaco für den Fall einer Überschreitung des Liefertermins eine recht hohe Konventionalstrafe vereinbart. Die Werft stand ziemlich unter Druck und schlug vor, uns für l Jahr eine Jupiter 30 kostenlos zur Verfügung zu stellen. Dieser Vorschlag wurde angenommen, und so war beiden Parteien geholfen. Also, ein Schiff war vorhanden und musste überführt werden. Unser Schwager hatte uns mit dem Auto nach Bogö gebracht und nachdem das Schiff beladen war, ging die Fahrt los. Die Sonne schien, die See war ruhig und wir waren glücklich. Dem normalen Standart entsprechend war die navigatorische Ausrüstung: Kompass, Karte, Uhr. Damals kannte man zwar schon das Decca-System, aber damit war das Schiff nicht ausgerüstet, auch nicht mit einem Funkgerät, und das GPS-System war seinerzeit noch völlig unbekannt. Schon nach kurzer Fahrt hatte Jaco bemerkt, dass der Kompass eine Abweichung von mehr als geschätzt 20° hatte. Eine Kompensiertabelle war an Bord, aber die Daten völlig unbrauchbar. Jetzt kam Jacos Erfahrung aus der Fliegerei zur Geltung und anhand der Tonnen und Landmarken war der genaue Kompasskurs schnell errechnet. Aber kaum hatte sich Jaco entspannt zurückgelehnt, wurde der Motor immer langsamer und blieb dann ganz stehen. Verblüfft guckten wir uns an. Der Motorraum wurde aufgemacht, aber keine Erklärung gefunden. Der Tank war voll. Inzwischen war natürlich eine gewisse Zeit vergangen, in der uns der Wind immer weiter von den Inseln abgetrieben hatte. Aber Jaco versuchte mich mit der Feststellung zu beruhigen, dass solange die Fähre noch sichtbar war, er notfalls rot schießen würde. Funk war ja nicht vorhanden. Nach mehreren Startversuchen sprang der Motor wieder an. Nun aber keine Zeit verlieren, denn Spodsberg, der einzige Hafen auf der Ostseite von Langeland sollte unbedingt noch vor Anbruch der Dunkelheit erreicht werden. Also erst einmal etwas langsam, um mögliche Fehler zu erkennen und dann Vollgas - 17 kn. Kaum war die Höchstgeschwindigkeit erreicht, blieb der Motor erneut stehen. Jetzt wurde es kriminell und Jaco entsprechend nervös, denn die Fähre war jetzt weit außerhalb der Sichtweite. Also Motorraumdeckel auf- und schon war Jaco bei dem inzwischen leichten Seegang ausgerutscht und in den Maschinenraum gefallen. Jetzt war es besser, mich in die Achterkajüte zu verkrümeln, denn Jaco, der sich beim Sturz ziemlich am Schienbein verletzt hatte fing an zu brüllen: „Das ist Sabotage, das haben die Lumpen gewusst" usw.usw. Nach einer gewissen Zeit hatte er herausgefunden, dass im Dieseltank Wasser war, welches vom Motor angesogen wurde, sobald sich das Schiff bei erhöhter Fahrt vorne hob. Der Filter wurde gereinigt und ich bekam jetzt den wirklich ernst gemeinten Auftrag zu beten, dass der Motor anspringt. Durch die vielen Startversuche war die Batterie sehr schwach geworden und es gab nun nur noch einen einzigen Versuch den Motor zu starten. Mir fiel ein großer Stein vom Herzen als der Motor zündete und wir nun mit langsamster Fahrt zurück zur Werft fuhren. Dort wurde das Schiff mit einem Kran vorne angehoben, der Tank geleert und wieder gefüllt. Das Wasser-Ölgemisch wurde der Einfachheit halber einfach in die Ostsee gegossen, dann kam der Wind und der Diesel war verschwunden, ganz ohne Aufregung. Es stellte sich heraus, dass die Werft von dem Wasser im Tank gewusst hat. Man hatte nämlich vorher vergessen, nach dem Tanken den Deckel wieder aufzuschrauben. Bei der anschließenden Probefahrt bei Starkwind war dann Wasser erst über das Deck und dann in den Tank gelaufen.

Nach diesen Vorfällen war unsere Stimmung auf dem Nullpunkt. Es nützte aber nichts, also erneut die Heimreise von vorne beginnen. Jetzt aber ausschließlich mit Höchstgeschwindigkeit, denn es drohte die Dunkelheit. Jaco wollte unbedingt noch Langeland erreichen und sagte mir, dass er den Kurs so abgesetzt hätte, dass der Landfall nördlich vom Hafen zu erwarten wäre, um dann mit Südkurs an der Künste entlang auf keinen Fall an Spodsberg vorbeizufahren. Es war dunkel geworden und ich sollte mit aufpassen, um nicht die Lichter der Hafeneinfahrt zu übersehen. Er war unsicher, ob er die Missweisung vom Kompass richtig eingeschätzt hatte. Die Lichter von den Häusern auf der Insel kamen in Sicht, 90° Kursänderung nach links auf Südkurs und ganz kurze Zeit später war das Ziel erreicht. Liegeplatz suchen, den Kahn anbinden, mazedonische Steppengrasröhre (wie Jaco sagt) anzünden, Köhm und Bier auf den Tisch und dann entspannen. So aufregend hatte ich mir die Überführung nicht vorgestellt. Ich weiß es nicht mehr, ich glaube aber, das Abendessen war ausgefallen, ich^wollte nur noch schlafen.

Ganz früh am nächsten Morgen (mit dem Hafenmeister hatten wir noch am Abend abgerechnet) ging es weiter in Richtung Kiel. Vor uns lag der Nord-Ostseekanal mit den beiden Seeschleusen Kiel-Holtenau und Brunsbüttel. So ganz wohl war mir anfangs dabei nicht, denn ich und auch Jaco kannten nur die kleinen und gemütlichen Schleusen im Binnenland. Ohne Probleme erreichten wir die Elbe. Vorbei ging es an Otterndorf (hier hätten wir ganz entspannt durch den Hadelner Kanal Bremerhaven erreichen können) an Cuxhaven (auch hier hätten wir gemütlich Feierabend machen können) vorbei in die Außenelbe. Dort lag wie festzementiert Feuerschiff Elbe l (heute Museumsschiff in Cuxhaven) das wir stb. passierten, dann über die Nordergründe Richtung Leuchtturm Alte Weser. Was für mich gerade nicht ermutigend war, dort waren auch etliche Wracktonnen erkennbar. Jaco hatte den Zeitplan so berechnet, dass uns von hier aus und die Tide in Richtung Bremerhaven schob. Plötzlich verschlechterte sich die Sicht und wenig später waren wir von Nebel umgeben. Wer das schon einmal mitgemacht hat weiß, wie unheimlich das ist. Man hört es ringsherum tuten, doch man kann keinen sehen. In dieser Situation gab es unverhofft einen heftigen Schlag und schon stand auch der Motor. Wir hatten uns eine Düngemitteltüte aus Plastic eingefangen. Ausgerechnet jetzt. Jaco musste ins Wasser und versuchen, den Propeller frei zu machen. Das gelang nur unvollkommen. Mit Vor- und Zurückschalten wurden wir wenigstens einen Teil vom Plastic los. Doch Reste hatten sich um die Welle gewickelt, die nicht frei zu bekommen war. Das musste nun ausgerechnet im Fahrwasser der Außenweser passieren. Unsere Gefühle mit mulmig zu beschreiben, trifft nicht ganz den Kern. Am Horizont konnte ich im Dunst gerade noch den Leuchtturm Alte Weser erkennen, und in Anbetracht der bei mir langsam zunehmenden Magenschmerzen (sprich Angst) kam mir plötzlich die rettende Idee. Also schlug ich Jaco ernsthaft vor, das Schi ff am Leuchtturm anzubinden, um zunächst in Sicherheit zu sein und notfalls auch festen Boden unter den Füßen zu haben. Jaco schaute mich an, als ob ich nicht alle Tassen im Schrank hätte. Er erklärte mir, dass das verboten sei, und auch mein zaghafter Hinweis auf Versorgungsschiffe die dort doch festmachen, ließen ihn nur den Kopf schütteln. Also dümpelten wir weiter und hatten gerade langsam wieder Fahrt aufgenommen, als uns Backbord ein dicker Frachter überholte. Jaco hing sich sofort ins Kielwasser und fuhr hinterher. Durch die Unwucht rappelte und bebte das Schiff, als ob es jederzeit auseinander fallen würde. Trotzdem fühlte ich mich, als ob einer eine Zentnerlast von meiner Magengegend genommen hätte. Langsam fuhr uns der Frachter davon und war im Nebel kaum noch zu erahnen. Aber wir hatten nunmehr Lemwerder erreicht und konnten im ehemals königlichen Yachtklub festmachen. (Hier hatte ehemals Kaiser Wilhelm II seine Yacht beheimatet und hier war seinerzeit auch das Domizil der Yacht von Krupp, der Germania) Nun sollte ich die Festmacherleine durch die Mooring ziehen. Wer das schon mal versucht hat, weiß wie schwierig das ist, und ich war absoluter Neuling. Aber beim 2. mal hat es geklappt, - wir lagen fest. Jetzt hatte Jaco Zeit, sich dem Motor zuzuwenden. Seit einiger Zeit waren nämlich die Auspuffgase schwarz und nebelten hinter uns die ganze Gegend ein. Er teilte mir dann das Ergebnis seiner Untersuchung mit: Die Zylinderkopfdichtung ist durch die Überlast durchgebrannt. Das ich von diesem Moment an wiederum fürchterliche Magenschmerzen hatte, ist doch verständlich.
Am nächsten Tag gab es erst einmal ein ordentliches Frühstück. Die Welt sah nun schon viel besser aus. Für Jaco bereitete ich schon mal einen Grog, denn er musste ob er wollte oder nicht, noch einmal ins Wasser, um zu versuchen die Reste der Mülltüte zu entfernen. Es war Anfang April mit entsprechend arktischen Wassertemperaturen. Er hatte Glück, die Mülltütenreste waren verschwunden. Jetzt fuhren wir endlich langsam und mit einer gewaltigen schwarzen Abgaswolke Richtung Heimat. Erschüttern konnte uns nun wahrlich nichts mehr. Die Motorreparatur hatte Jaco innerhalb einer Woche selber erledigt. Ein Jahr fuhren wir dieses Schiff und hatten viel viel Spaß dabei, aber das ist schon wieder eine andere Geschichte.


Ina Jacobi

 

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